Wicker Klinik Bad Wildungen
Abteilung: Neurologie
"Anerkanntes MS-Zentrum" der Deutschen Multiple Sklerose
Gesellschaft
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Wildungen ·
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Myasthenia gravis
Myasthenia gravis
- Definition
Bei
der Myasthenia gravis handelt es sich um eine Muskelerkrankung. Es handelt
sich um eine Muskelschwäche, die belastungsabhängig ist und sich in Ruhe
bessert.
Die
Myasthenia gravis beginnt oft mit Sehstörungen, z.B. Doppelbilder oder einer
Schwäche der Oberlider. Diese Schwäche weitet sich später oft auf andere
Muskelgruppen aus und betrifft z.B. die Sprech-, Schluck- und mimische Muskulatur.
Bei schweren Fällen ist die gesamte Willkürmuskulatur einschließlich der Muskeln
für die Atmung betroffen.
Die
Patienten haben als Symptome ein Schweregefühl des Kopfes, Atemnot bei
Belastung, zunehmende Schwäche beim Treppensteigen oder auch Schwäche bei
bereits geringer körperlicher Belastung wie leichte Hausarbeiten. Typischerweise
sind diese Beschwerden abends stärker.
Bei
grippalen Infekten oder psychischen Belastungen verstärken sich die Beschwerden,
Frauen spüren die Symptome deutlicher unmittelbar vor der monatlichen
Regelblutung.
Grund
der Myasthenia gravis ist eine so genannte Störung der „neuromuskulären
Erregungsübertragung.“ Dies bedeutet, dass Antikörper gegen eine sehr wichtige
Substanz gebildet werden, die eine Schlüsselrolle bei der Reizübertragung vom
Nerv auf den Muskel spielt. Die Übertragung dieser Substanz an der
neuromuskulären Synapse wird gestört und es kommt somit zu einer fehlgeleiteten
bzw. gestörten Muskelreaktion. Diese Antikörper zerstören zusätzlich bestimmte
Muskelbestandteile, man spricht daher von der Myastenia gravis auch von einer
Autoimmunerkrankung.
Die
Myastenia gravis kommt in allen Altersgruppen vor und hat ein Deutschland eine
Häufigkeit von 2 pro 100.000 Einwohner. In der Statistik der Geschlechter sind
etwas mehr Frauen betroffen. Die Erkrankung ist nicht ansteckend und nicht
erblich.
Die
Thymusdrüse spielt bei der Myasthenia gravis eine entscheidende Rolle. Dieses
Organ, welches sich hinter dem Brustbein befindet, hat eine wichtige Funktion im
Immunprozess und ist u.a. verantwortlich für die Bereitstellung bestimmter
Zellen des menschlichen Abwehrsystems.
Bei
sehr vielen Myasthenia gravis Betroffenen ist dieses Organ verändert im Sinne
einer gutartigen Vergrößerung (“Hyperplasie“), gelegentlich auch tumorös
vergrössert („Thymom“).
Wie wird
die Myastenia gravis diagnostiziert ?
Neben
der gezielten Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und der gründlichen
klinischen Untersuchung stehen dem Neurologen zusätzlich die Elektrophysiologie
und medikamentöse Tests zur Verfügung.
In der
Elektromyographie (EMG) kann durch spezielle Nervenreizungen eine schnelle
Ermüdbarkeit der Muskulatur gut nachgewiesen werden, z.B. durch wiederholte
nervale Stimulation des m. trapezius.
Diese
Untersuchung weist jedoch nur das Symptom nach. Die Erkrankung selbst kann
einfach und genau mit dem so genannten Tensilon-Test festgestellt werden. Dabei
wird diese Substanz in eine Vene gespritzt und bei bestehender Myasthenia gravis
bessern sich die Beschwerden innerhalb von Sekunden.
Außerdem können die Antikörper im Blut bestimmt werden.
Zur
kompletten Diagnostik der Myasthenia gravis gehört schließlich ein
Computertomogramm der Brust („Thorax-CT“) zur Einschätzung einer möglichen
Veränderung der Thymusdrüse (s.o.).
Eine
Myasthenia gravis kann durch Gabe bestimmter Medikamente verstärkt werden. Zu
nennen sind hier verschiedene Antibiotika, Mittel gegen Herzrhythmusstörungen
und Bluthochdruck („Betablocker“) oder verschiedenste Psychopharmaka, z.B. die
so genannten Benzodiazepine.
Eine
gefürchtete Komplikation der Myasthenia gravis ist die „myasthene Krise“. Der
Befall der Atemmuskulatur kann lebensgefährlich sein und erfordert rasches und
professionelles Handeln. Lagerung mit erhöhtem Oberkörper, Sauerstoffmaske und
entsprechende Medikamente sind dabei die erste Stufe. Falls dies nicht greift,
muss der Patient intubiert und beatmetet werden.
Wegen
der heute guten Therapiemöglichkeiten (s.u.) ist der Verlauf der Myasthenia
gravis günstig. Die Erkrankung wird nach der „MGFA-Klassifikation“ vom Jahr 2000
eingeteilt in eine Klasse 1: auf die Augenmuskeln beschränkte Form, Klasse 2 a
und b: leichte generalisierte Form, Klasse 3 a und b: mäßige generalisierte
Form, Klasse 4 : schwere generalisierte Form und Klasse 5 : Intubationspatienten.
Insbesondere
haben
die häufigen Patienten der
Klasse 1 und 2 sehr gute Heilungschancen.
Welche
Therapien gibt es bei Myasthenia gravis?
Bestimmte Medikamente hemmen den Abbau des Überträgerstoffes Acetylcholin,
führen sehr rasch zu klinischer Besserung und sind die Therapie erster Wahl. Je
nach klinischem Schweregrad der Myasthenia gravis können diese Medikamente als
Infusion im Akutstadium oder auch als Tablette zur Langzeittherapie verabreicht
werden. Beispiele für diese Medikamentengruppe sind Mestinon oder Prostigmin.
Wichtig ist die genaue und vorsichtige Dosierung dieser Medikamente, bei
Überdosierung kommt es zu der gefürchteten cholinergen Krise, die eine sofortige
Behandlung in einer intensivmedizinischen Abteilung einer Klinik notwendig
macht.
Ein
weiterer Therapie-Baustein ist die Gabe von Medikamenten, die das Immunsystem
unterdrücken. Das bekannteste Präparat ist Azathioprin (Handelsname: Imurek).
Teils werden die Betroffenen mit diesen Medikamenten sehr lange behandelt,
jedoch sind die Nebenwirkungen stets genau zu beachten und auch die
Kontraindikationen, wie z.B. Kinderwunsch oder Schwangerschaft.
Cortison-Präparate sind die am häufigsten eingesetzten Medikamente, nach der
Fachliteratur reagieren 70-80% der Betroffenen mit Myasthenia gravis positiv auf
diese Therapie. Dabei werden sie als Monotherapie oder in Kombination mit
weiteren Medikamenten eingesetzt, Beispiel für diese Gruppe ist Decortin H. Auch
hier sind die Nebenwirkungen insbesondere bei Langzeitgabe zu berücksichtigen,
die wichtigsten sind die Gewichtszunahme und die Osteoporose. Wenn die
Cortisonpräparate länger als sechs Monate genommen werden, sollte zur Vermeidung
einer Osteoporose immer Kalzium in einer Dosierung von 1000-1500 mg gegeben
werden.
Eine
weitere Therapie ist die chirurgische Entfernung der Thymusdrüse.
Dabei
ist die Indikation zur OP immer vom Einzelfall abhängig, z.B. scheinen Patienten
mit einem rein okulärem Verlauf (Phase1) und hohen Antikörpern im Blutspiegel
nur dann zu profitieren, wenn die medikamentöse Therapie nicht erfolgreich ist.
Unabhängig davon sollte eine vergrößerte Thymusdrüse bei Myasthenia gravis in
jedem Fall operiert werden.
Bei
schwerem Verlauf einer Mysthenia gravis wird eine Blutaustauschbehandlung
durchgeführt. Diese Therapie muss in einem entsprechendem Zentrum auf einer
Intensivstation durchgeführt werden Das bisher durchgeführte Verfahren der
Plasmapherese, bei der bestimmte Zellbestandteile aus dem Blut entfernt werden,
wird zunehmend abgelöst von der Immunadsorption (Iad). Hierbei werden bestimmte
Immunglobuline (IgG-Subklassen) aus dem Blut entfernt.
Betroffene mit Myasthenia gravis haben in vielen Fällen Symptome ihrer
Erkrankung für viele Jahre, teilweise lebenslang.
Daher
ist neben den oben geschilderten akuten Therapien eine begleitende Therapie
dieser Patienten sehr wichtig.
Myasthenia gravis: neurologische Rehabilitation
Die
neurologische Rehabilitation kann daher äußerst wichtig sein und eine
Stabilisierung der Lebensqualität und beruflichen Leistungsfähigkeit für viele
Jahre erreichen.
Wie
sieht nun konkret die Behandlung von Patienten mit Myasthenia gravis während der
stationären Rehabilitation in der Wicker-Klinik Bad Wildungen aus ?
Auch in
der stationären Rehabilitation steht zunächst die genaue Erhebung der
Krankheitsgeschichte mit den Angaben des Patienten zur Vorgeschichte (Anamnese)
im Vordergrund mit den Schwerpunkten: Beginn der Funktionsstörungen, dem Verlauf
und den aktuellen klinischen Beschwerden.
Auch
die körperliche Untersuchung ist ein wichtiger Baustein zur Einschätzung und
Planung des Rehabilitationsprogramms. Gelenkveränderungen, orthopädische
Folgeschädigungen, spezielle Schmerzsymptome etc. sind hier besonders wichtig
neben der allgemein üblichen neurologischen Untersuchung der Hirnnerven, der
Kraftentfaltung der Extremitäten, der Muskeleigen- und Fremdreflexe, der
Sensibilität und der Koordination. Gezielt muss bei Myasthenia gravis nach
Lähmungen gefahndet werden und nach entsprechenden Einteilungsgraden genau
beschrieben werden.
Für den
Neurologen in der stationären neurologischen Rehabilitation ist auch die
zusätzliche neurophysiologische Diagnostik wichtig. Die Wicker Klinik Bad
Wildungen verfügt hier über die kompletten entsprechenden technischen
Ausstattungen, wie Elektroneurographie mit Feststellung der
Nervenleitgeschwindigkeit und der Funktionstüchtigkeit der Nervenfasern und
Messung der Muskelströme mittels Elektromyographie.
Im
Verbund der Wicker Klinik Bad Wildungen kann auf die sehr gute und qualifizierte
Ausstattung der Neuroradiologischen Praxis Dres. Mariß/Aref in der
Hardtwaldklinik I Bad Zwesten zurückgegriffen werden. In dieser Praxis befinden
sich hochwertige neuroradiologische Geräte wie Kernspintomographie (MRT) und
Computertomographie (CT). In unmittelbarer Nachbarschaft der Wicker Klinik
befindet sich die nuklearmedizinische Praxis Dres. Graul/Gercke, hier können
beispielsweise Untersuchungen mittels Sonographie (Ultraschall) oder auch eine
genaue Schilddrüsendiagnostik mittels Laborwerte, Schilddrüsenszintigraphie und
-sonographie durchgeführt werden.
In der
Wicker Klinik Bad Wildungen befindet sich eine internistische Abteilung. Untersuchungen des Herzens einschließlich
EKG-Untersuchungen und Ultraschall-Untersuchungen von Herz und Bauchorganen
können hier jederzeit mühelos durchgeführt werden und ergänzen die exakte
Diagnostik der Beschwerden von Patienten mit Myasthenia gravis während der
stationären Rehabilitation.
Myasthenia gravis: wichtige therapeutische Ansätze in der Rehabilitation
Ein
weiteres Therapieziel bei Patienten mit Myasthenia gravis ist die Verbesserung
und das Erhalten der Selbständigkeit in der Beweglichkeit, die Selbstversorgung
und Teilhaben am sozialen Leben und die genaue sozialmedizinische Beurteilung,
Einschätzung und evtl. auch Wiedereingliederung in das berufliche Arbeitsleben.
In der
Physiotherapie wird zunächst das Ausmaß der Beeinträchtigung des
Bewegungsapparats durch die vorhandene Lähmungen beurteilt und gemeinsam mit dem
Patienten das Behandlungsziel besprochen.
Wichtige therapeutische Ansätze für Patienten mit Myasthenia gravis in der
Rehabilitation sind ein langsamer und kontinuierlicher Aufbau der Muskelkraft
und Ausdauer, die Ökonomisierung von Bewegungsabläufen bzgl. Koordination und
Einsatz bzw. Dosierung von Kraft sowie Schulung der Körperwahrnehmung. Ein
weiterer wichtiger Punkt ist die Kontrakturprophylaxe. Patienten mit Myasthenia
gravis haben gelegentlich eingesteifte Gelenke und Skoliosen, d.h. Verkrümmungen
der Wirbelsäule. Vorsichtiges Dehnen der betroffenen Gelenke vermindert das
Auftreten von Kontrakturen und führt somit zu einem langsameren Fortschreiten
der Erkrankung.
Die oft
gestörte Oberflächen- und/oder Tiefensensibilität der Patienten mit Myasthenia
gravis steht im Mittelpunkt der Ergotherapie in der Rehabilitation. Hierbei
werden verschiedene konkrete Übungen durchgeführt, bei gestörter
Tiefensensibilität der Extremitäten hat sich die so genannte Urias-Druckbandage
(Splint-Therapie) bewährt und wird bei Entlassung oft zur häuslichen
Weiterbehandlung rezeptiert. Das sensomotorische Training von Patienten mit
Myasthenia gravis erfolgt dabei in Einzel- oder Gruppentherapie und hat als
Schwerpunkt die Koordination und Feinmotorik. Ein für Personen mit Myasthenia
gravis sehr wichtiger Behandlungspunkt ist die Wiedererlangung der Fähigkeit
einen Pkw zu fahren. Hierzu besteht in der Abteilung Ergotherapie eine
Kooperation mit einer externen Fahrschule und es finden Fahrübungen in Bad
Wildungen in einem entsprechenden behindertengerechten Pkw mit einem geschulten
Fahrlehrer statt.
Ein
weiterer Ansatz in der Rehabilitation von Myasthenia gravis ist die adäquate
Hilfsmittelberatung. Dies betrifft nicht nur Orthesen (Geräte zur Stabilisierung
und Funktionsbesserung von Gelenken), sondern auch sämtliche andere Hilfsmittel
am Heimatort wie z.B. Einstieghilfen in die Badewanne, höhenverstellbare
Hilfsmittel in der Küche etc.. Dabei ist die gezielte Hilfsmittelberatung von
Rollstuhl - Betroffenen mit Myasthenia gravis äußerst hilfreich, die Rollstühle
werden exakt vermessen und auf die Bedürfnisse der Betroffenen mit
Muskelerkrankungen eingestellt. Weitere Hilfsmittel sind z.B. Duschstuhl,
Badewannenlifter, Toilettensitzerhöhungen, Rampen für den Rollstuhl und andere.
Die
Abteilung Physikalische Therapie setzt verschiedene Verfahren zur Entspannung
des Patienten ein. Zusätzlich kann diese Therapieabteilung die oft nicht
geringen Schmerzsymptome bei Patienten mit Myasthenia gravis reduzieren. Hier
kommen passive Techniken wie externe Massagen und Bäder zum Einsatz, zum anderen
gezielte Schmerzbehandlungen wie Elektrotherapie, Laserbehandlung oder auch die
Therapien mit einem TENS - Gerät.
Die
Logopädie ist eine weitere Abteilung in der Rehabilitation zur Behandlung von
Myasthenia gravis. In der Wicker Klinik Bad Wildungen werden hier Betroffene
behandelt, die z.B. an Schluckstörungen leiden. Oft muss auch hier eine weitere
Diagnostik mit Laryngoskopie (Spieglung des Kehlkopfes) oder bestimmte
Röntgenuntersuchungen erfolgen.
In
einer qualifizierten Rehabilitationsklinik zur Behandlung von Myasthenia gravis
ist der ganzheitliche Therapieansatz für diese Erkrankung eine wichtige
Voraussetzung. Dazu zählen auch die Diplom-Psychologen der Abteilung. Betroffene
leiden aufgrund der körperlichen Defizite und der damit verbundenen Auswirkungen
im Privat- u. Arbeitsleben oft an depressiven Verstimmungen und
psychosomatischen Beschwerden. Hier sind sowohl stützende Einzelgespräche oder
das Erlernen von Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Progressive
Muskelrelaxation sehr hilfreich.
Ferner
zählen zu diesem Therapieteam auch die Sozialberater der Wicker Klinik. Fragen
nach dem Pflegegesetz, dem Schwerbehindertengesetz, des Arbeitsplatzes wie
Kontakte mit dem Arbeitgeber zur beruflichen Wiedereingliederung oder
innerbetriebliche Umsetzungen sind hier als häufige Themen in der Sozialberatung
zu nennen. Auch die gezielte Beratung über (Teil-) Berentung ist für Patienten
mit Myasthenia gravis oft eine häufige Frage.
Schließlich gehört zum Therapieplan während der Rehabilitation in Bad Wildungen
auch die konsiliarische Mitbetreuung durch einen qualifizierten Facharzt für
Orthopädie. Dies wird durch einen Facharzt für Orthopädie geleistet, der zweimal
wöchentlich eine Sprechstunde anbietet in der Klinik, somit die Betroffenen
konsiliarisch mitbetreut und auch für die Ärzte der Abteilung Neurologie ein
regelmäßiger und geschätzter Gesprächspartner ist.
Zum
Bestandteil der Arbeit für die Ärzte in der Wicker Klinik Bad Wildungen gehört
auch der Austausch mit Experten und Fachkollegen von Muskelerkrankungen. Es
finden regelmäßige Fortbildungen sowohl in der Klinik als auch die Teilnahme an
entsprechenden Fachkongressen und Symposien teil.